Mittwoch, 25. September 2013

Früher war alles besser....?

Kennen wir nicht alle diesen Spruch, ironisch oder ernst gemeint? Von älteren Leuten? Die den "alten Zeiten" hinterherjammern, die nicht im Jetzt ankommen wollen? Ich hatte Euch ja schon vorbereitet, ich werde ein paar Gedanken zum Thema Jugend aufschreiben.....

Ich finde, wir müssen aufpassen, das wir nicht genauso werden. Ja, wir leben heute in einer anderen Zeit als damals, als wir jung waren. Als es noch Telefone mit Tasten oder sogar Wählscheiben gab, als MTV noch Kult war, als wir in der Pause noch heimlich zum Bäcker gegangen sind, um Negerkussbrötchen für 55 Pfennig zu kaufen.

Aber die Zeiten sind vorbei und ob wir es gut finden oder nicht, sie kommen auch nicht wieder. Unsere Kinder leben in ihrer Zeit. Sie kennen nichts anderes und sind hier und jetzt glücklich. Sie verstehen die Aufregung um Handys, Smartphones und Internet nicht, und wenn wir nicht aufpassen, verpassen wir den Anschluß und Kontakt an unsere Kinder, in dem wir versuchen, sie von allem fernzuhalten.

Ich bin auch sehr lange vorsichtig und streng gewesen, was Fernseh- und Internetkonsum angeht und bin es auch immer noch. Aber ich enthalte es meinen Kindern nicht mehr vor. Wie sollen sie einen gesunden und vernünftigen Umgang mit dem Internet und allen anderen hochtechnologischen Medien lernen, wenn sie damit nicht umgehen dürfen.

Alles, was verboten ist, ist doch besonders interessant, oder? Ich selber finde Smartphones toll. Sie bieten so viele Möglichkeiten. Genauso wie das Internet. Auch soziale Netzwerke haben ihre Daseinsberechtigung und eröffnen mir die Möglichkeit ganz unkompliziert mit Freunden auf der ganzen Welt Kontakt zu halten, sie an meinem täglichen Leben teilhaben zu lassen. Was und wieviel ich ihnen zeige, bleibt dabei ja immer noch mir überlassen.

Klar, wo Licht ist, ist auch Schatten, und es lauern im Internet sehr viele Gefahren. Fotos gehen rasend schnell durch das Netz oder über Smartphones durch sämtliche Gruppen, Klassen, Schulen. Pornographie ist ein Thema, Gewalt, Spiele. Alles nicht so einfach.



Das größte Problem habe ich allerdings damit, meinen Kindern ernsthaft zu erklären, dass das alles gefährlich ist und ich aber im Internet, auf facebook und mit dem Smartphone unterwegs bin..... Wie soll das gehen? Darf ich alles weil ich erwachsen bin? Das gleiche Problem stellt sich übrigens beim Fahrradhelm. Tragt Ihr alle einen?

Ich bin dafür, die Kinder mit dem Internet auf jeden Fall ab Klasse 5 in Kontakt zu bringen. Sie anzuleiten, Zeiten einzuführen, sie zu kontrollieren (aber auf keinen Fall heimlich). Ich bin dafür, sie aufzuklären, Ihnen deutlich aufzuzeigen, wo die Gefahren sind, was passieren kann, und was auf gar keinen Fall geht. Sie am Anfang zu unterstützen, neben ihnen zu sitzen, wenn sie erste Erfahrungen z. B. bei facebook sammeln. Und vor allem, ihnen vertrauen und etwas zutrauen. Ich bin mit meinem 13jährigen Sohn uneingeschränkt bei facebook befreundet. Das war meine Bedingung. Ich kenne sein Passwort und sehe ja alle seine Aktivitäten. Und das sind eigentlich erstaunlich wenige. 

Gerade gestern Abend bekam ich angezeigt, dass ihm ein Video gefällt. Es hatte den Namen "Die kürzeste Horrorgeschichte" und bei mir stellten sich sofort alle Nackenhaare auf. Zum Sprung bereit, klickte ich noch schnell auf den Link, um es mir anzugucken, bevor ich losmeckere. Und dann musste ich wirklich lachen. Ich sah zwei Männer auf einem Sofa sitzen, Farbtöne leicht gelblich und war auf Schocker vorbereitet, als ein weiterer Mann eine Lampe unter sein Gesicht hielt und ganz gruselig 'MONTAG' flüsterte. Die beiden anderen lachten sich schlapp. Ende.



Klar, kann man sich pornographische oder gewaltverherrlichende Fotos und Filme ganz einfach im Internet angucken, aber ganz ehrlich. Früher hatten doch auch alle Jungs Videocassetten  schwarzkopiert von schwarzkopiert von schwarzkopiert, oder? Und da war auch alles von Schmuddel bis Horror oder Gemetzel dabei. Ich fand das eklig und habe nicht mitgeguckt. Die Wahlmöglichkeit haben unsere Kinder auch. Und ich glaube fest daran, dass sie sie auch nutzen. 

Mama, der .... spielt auch schon Spiele ab 18 heimlich von seinem älteren Bruder. Und du? Ich habe mal geguckt, aber das finde ich zu hart. Auch zum Gucken. Na, bitte. Läuft. 

Früher war auch nicht alles besser. Wir wundern uns über Miley Cyrus oder Bushido? Wir sind entsetzt von Texten und Tänzen? Ja, ich auch. Ich finde beide blöd. Ich bin über 40, ich darf das, aber meine Kinder müssen das nicht. Ich erinnere mich  noch gut daran, dass meine Eltern auch kein Verständnis für Madonna und The Cure hatten (oder sie gar nicht kannten). Dass sie Madonna in Nonnentracht oder Korsage ganz schlimm fanden. Mein Lieblingslied war "Jeanny" von Falco, das wollten sie mir verbieten. Wir fanden es damals cool und überhaupt nichts dabei. Ich fand Madonna toll. Wollte ich deshalb genauso aussehen wie sie? Oder so tanzen? Eigentlich nicht. Das war Video, Musik, das war nicht mein Leben. 

Bei allem, was wir unseren Kindern in der schnelllebigen Zeit in der Schule, im Verkehr, im Umfeld abverlangen, was sie so leisten müssen, müssen wir ihnen nicht zutrauen, dass sie genauso denken wie wir früher? Dass sie unterscheiden können zwischen Realität und Show? 

Ich habe viel Angst um meine Kinder, das wird mir als Mutter auch niemand nehmen können. Vor allem, weil ich auch nicht immer brav war und Mist gemacht habe. Getoppt natürlich um Längen von meinem jüngeren Bruder ;-) Vielleicht bin ich auch deshalb ängstlich? Weil ich weiß, was möglich ist? Auch früher hatten Mütter schon Angst vor KO-Tropfen im Diskoglas. Sagt man überhaupt noch Disko? Club wahrscheinlich ;-)......Meine Mutter hat mir z. B. schon immer gepredigt, nicht mein Glas aus den Augen zu lassen.

Und werden die Kinder/ Jugendlichen hemmungsloser? Verleitet das Internet, früher erwachsen zu werden, und Klartext: früher Sex zu haben? Eindeutig NEIN:

"In der Tat hat sich das Durchschnittsalter für den ersten Geschlechtsverkehr im Lauf der Jahre kaum geändert und liegt der deutschen Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) zufolge immer noch bei ca. 15 Jahren (14,9 bei den Mädchen und 15,1 bei den Jungen)." Quelle: gofeminin.de

Und die Welt schreibt dazu: "Im Gegensatz zur landläufigen Meinung kam die Studie außerdem zu dem Schluss, dass Jugendliche ihre ersten Sexualkontakte nicht in deutlichem jüngerem Alter haben als früher. In fast allen untersuchten Ländern erlebten die Jugendlichen zwischen 15 und 19 Jahren ihr "erstes Mal", die Mädchen dabei ein wenig früher als die Jungen." Quelle: Welt.de

Also, das hat mich total erstaunt aber unglaublich beruhigt. Meine Mutter hat früher immer gesagt, sie findet erwachsen werden in der "heutigen Zeit" - den 80ern - schwieriger als zu ihrer Zeit. Ich denke heute das Gleiche. Für uns war es scheinbar einfacher. Aber ich habe es nicht als schwierig empfunden, es war meine Zeit und ich gehörte dahin. Ich musste nicht mit dem Vergleich leben, ich kannte nichts anderes. Ja, da war die Umgehungsstrasse und da die Fussgängerzone. Ob es beides früher mal nicht gegeben hatte, interessierte mich nicht. Die Wege waren so und wurden von mir nicht in Frage gestellt. Wisst Ihr, was ich meine?


Ich glaube, unsere Kinder leiden nicht in ihrer Zeit. Sie werden höchstens verunsichert, wenn wir ihnen große Teile vorenthalten und vieles schlecht und gefährlich reden. Medienbalance ist das Zauberwort. Aber Balance ist immer BEIDES. Und wir sind uns einig, ich rede nicht von Kindergartenkindern und auch nicht unbedingt von Grundschülern. Ich rede von den Kindern, die ab der 5. Klasse auf weiterführende Schulen gehen. Es gehört sowieso zu ihrem Leben dazu. 

Erklären wir Ihnen das Internet, die sozialen Netzwerke. Zeigen wir ihnen die guten Seiten auf, warnen wir Sie vor den Gefahren, aber lassen wir sie im geschützten Rahmen ihre eigenen Erfahrungen machen. Wie sollen sie es sonst lernen. In unserer Schule gibt es regelmässig für die Unterstufe eine IT-Themenwoche vor den Herbstferien. Jeden Tag ein anderes Thema: soziale Netzwerke, Internet allgemein, Computerspiele und Cybermobbing inklusive Theaterstück. Abends dann für die Eltern den dazugehörigen Elternabend, denn nur was man selber kennt, kann man beurteilen.



Ich habe meinem Sohn erklärt, dass er nur Fotos von sich posten darf, die er auch jederzeit gerne auf unserem Marktplatz hängen sehen möchte. Das ist für ihn die Vorgabe, und auch für mich. Für Felix in der 4. Klasse gibt es natürlich noch sehr viel mehr Einschränkungen, aber ganz fremd ist ihm die Nutzung vom iPad (ohne Internetzugang) nicht. 

Wichtig ist auf jeden Fall, dran zu bleiben und Anteil zu haben, an den Kindern, ihren Themen, ihrer Musik, ihrem Geschmack, ihrem Leben, und Verständnis. Das schaffen wir nicht mit Hysterie und Verboten,  sondern mit Realismus und der Erinnerung an unsere eigene Pubertät und Jugend.

Liebe Grüße




Kommentare:

  1. Liebste Sandra!
    Du hast es schon wieder getan.
    Schon der Hausaufgabenpost war eine regelrechte Offenbarung, und der...
    Erneut sprichst du ein Thema an, dass uns derzeit unheimlich beschäftigt und bei dem wir nicht, wie bei anderem, vielleicht sogar intuitiv wissen, wie wir es handeln können. Ich habe im Moment oft das unsichere Gefühl einer "Erstlingsbabymama", die alles neu erfahren und kennenlernen muss, um zu wissen, was für ihr Kind, aber auch für sie selbst am Besten ist. Für dieses Pubertätsdings bin ich noch nicht bereit! ;)
    Und jetzt schreibst du (wieder!) einfach so die Antworten auf alle meine Fragen, als hättest du es gewusst.
    Mein Mann, der wie geschrieben noch nicht mal den Blog seiner Frau liest (!!!), bat mich eben, doch schon deinen Post aufzurufen, er sei gleich da... ;)
    Künftig lese ich einfach dich, wenn ich nicht weiterweiß. Weil dann, dann weiß ichs.
    Ich danke dir von Herzen für dieses wundervolle, mutmachende, klärende und großartige Stück Weisheit!
    Es grüsst und drückt dich
    San

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  2. Ach, und - ich finde dein neues Profilbild toll! :)

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  3. Liebe San! Viiiielen Dank für Deine lieben Worte - ich freu mich sooo drüber!
    Mir geht es ja genauso - beim ersten Kind ist alles neu, auch die olle Pubertät, nur leider ohne Hebamme und Pekip-Gruppe..... WIR SCHAFFEN DAS, und zwar gut, bestimmt nicht perfekt, aber gut, denn wir machen uns Gedanken.
    Drück Dich sehr gerne zurück und wünsche Dir einen wunderbaren Sonntag
    Sandra

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  4. Wow!! These are real words!!! PÄNG!

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