Freitag, 4. April 2014

Trauer ist schlimm und lang und komplex. Aber sie gehört zu unserem Leben dazu.

Wir ändern das nicht und deshalb sollten wir lernen, ganz normal damit umzugehen.


Eine Geschichte über meine Trauer und meinen Vater. Und was Ihr daraus lernen könnt.

Als Kind habe ich ihn einfach nur geliebt und genauso akzeptiert, wie er war. Er hat Geschichten von früher erzählt, Geschichten aus Kriegszeiten, als er selber noch Kind war. Vom Leben auf dem Dorf, in der Molkerei, von seinem Schäferhund und seinem Schulleben. Von seinen Jugendjahren, als er mit der Kuh in die Kneipe zum trinken ging und die Schützenfeste in der Umgebung unsicher gemacht hat. Als er mit seinen Freunden Motorrad und Auto gefahren ist und wie es war als sein Bruder bei einem Unfall gestorben ist. Er hatte sogar Fotos von ihm im Sarg und ich fühlte mich sehr mutig, mir diese Fotos anzugucken.


Ich habe es geliebt, diesen Geschichten zuzuhören. Mein Papa als Messdiener, der sich beim Glockenläuten an die Glockenseile gehangen hat und so viel Weihrauch in der Kirche geschwenkt hat, dass er selber davon ohnmächtig geworden ist. Stundenlang konnte ich ihm zuhören.

Er war kein Papa, der stundenlang mit mir auf dem Boden gesessen und gespielt hat, er hat keine Buden mit uns gebaut und nicht mit uns Verstecken gespielt. Er hat eher alte Filme mit uns geguckt und sonntags nachmittags Spiele gespielt. Er hat mir die Bundesliga - Ergebnisse gesagt, während wir beide auf dem Boden vor dem Fernseher gesessen haben, und ich sollte sie in Tabellen eintragen. Ich fand das toll, obwohl ich überhaupt nicht wusste, was ich da tue oder was das bedeuten sollte. 

Er war der Papa, der jeden Abend vor dem Schlafen gehen im Flur noch einen Becher Milch und einen Riegel Schokolade gegessen hat und der auch genauso aussah. Ein bisschen wie im neunten Monat schwanger. Der immer auch lieber dünner gewesen wäre, der aber einfach viel zu gerne und zu viel genossen hat, das Essen und den Wein, um tatsächlich dünn zu sein. Todschick war er trotzdem. Immer.

Er war derjenige, mit dem ich manchmal im Herbst gegen Abend spazieren gegangen bin, um in die erleuchteten Häuser zu gucken und die Pflaumen an den runterhängenden Zweigen aus anderen Gärten zu klauen. Der selten auf Fotos war, weil er immer selbst gerne fotografiert hat und der uns mit dem Satz "Stellt Euch mal da hin" oft wirklich genervt hat. Die Bilder hatten wir immer alle gerne, er war nur nicht mit drauf.

Als Teenager hatten wir nicht immer eine einfache Zeit. Ich war das erste Kind und dann auch noch eine Tochter. Und mein Vater war halt ein Vater. Hätte er ein Gewehr gehabt, er hätte es sicherlich mehr als einmal sehr gerne und ohne mit der Wimper zu zucken benutzt. Er hat sich unendliche Sorgen gemacht, vielleicht auch deshalb, weil er selber immer so ein Feiermeier war und genau wusste, was richtig feiern bedeuten kann. Was soll ich sagen, der Apfel fällt halt nicht so weit vom Stamm. Das wusste er auch und er konnte am nächsten Morgen immer genau sagen, wann ich nach Hause gekommen bin, egal wie leise ich war. "Du warst um 3.42 zuhause" - Es lebe der Digitalwecker.... Wahrscheinlich wollte er mich meistens nur beschützen, aber ich war oft genervt.



Noch öfter wollte er mich aber bestimmt ärgern, zum Beispiel, wenn mir ganz wichtig war, an der Ecke VOR der Schule schon mal einfach rausgelassen zu werden und er immer AUF den Schulhof gefahren ist. Oder als er beim Tanzkurs - Abschlussball während er mit mir getanzt hat, immer aus vollem Hals mitgesungen hat. Laut und schief. Ich wäre unglaublich viele Male gerne einfach mal im Boden versunken. Nachträglich noch mal vielen Dank, Papa! Für Sprüche wie: "Entschuldigung, nichts gegen Ihre Beine, aber Gurken gehören ins Glas!" habe ich ihn aber immer sehr geliebt ;)

Wir haben diskutiert. Über Gott, über Religion, über Hitler, über Politik, über alles. Wir waren selten einer Meinung. Ich habe viel hinterfragt und er hatte seinen festen Standpunkt, aber er war immer ehrlich. Er war zum Beispiel als Kind im dritten Reich nicht politisch, sein Vater mochte die Nazis nicht, aber er fand die Pimpfe-Organisation toll. Weil die schöne Sachen gespielt haben, weil da immer etwas los war. Weil er kein Außenseiter sein wollte. Das konnte ich nachvollziehen. Politisch nicht korrekt, aber menschlich. GLAUBEN heißt NICHT WISSEN ist zum Beispiel so ein Satz, der mir immer noch im Ohr klingt, wenn es um Religion ging.

Ein Studium und zwei Auslandssemester später waren die Reibereien erledigt und wir konnten uns viel mehr auf Augenhöhe begegnen. Eine ganze Zeitlang haben wir sogar zusammen gearbeitet. Wir sind zusammen auf Messen gefahren und haben dort tagsüber gearbeitet und abends zusammen gefeiert. Entweder mit anderen oder wir beide zusammen auf dem Hotelzimmer. Gepflegt betrunken haben wir uns und so gut verstanden, dass nicht nur einmal das Hotelpersonal bestimmt gedacht hat, wir würden uns nur als Vater und Tochter ausgeben. Während langer Autofahrten habe ich von dem Rallye-Altmeister so unglaublich viel über das Autofahren in jeder Lebenslage gelernt, dass ich fast täglich an Weisheiten, Ratschläge und erinnert werde. Auch das böse Schimpfen auf andere Autofahrer hat mir so gut gefallen, dass habe ich direkt übernommen;) Ach, herrlich, wenn man in seinem Käfig so ganz ungeniert laut rumfluchen kann.....

Wir waren zusammen in Wien und konnten uns im Heurigen in Grinzing ganz unglaublich gut mit wildfremden Menschen aus aller Welt unterhalten. Ich konnte die Sprachen, ihm fehlten die Hemmungen. Wir waren ein gutes Team. 



Ich könnte noch so viele Geschichten erzählen, aber der Krebs kam uns dazwischen. Ganz plötzlich und ganz besonders fies und obwohl er schon nach 6 Wochen sterben sollte, hat er tapfer noch 2einhalb Jahre weitergekämpft. Er wollte nämlich nicht besiegt werden. Er hat den Ärzten gezeigt, dass man auch ohne Magen fetten Ochsenschwanz essen kann, und dass man zwar krank, aber dadurch schlank, auch super schicke Sachen in normalen Größen tragen kann.  Und als dann alles zu spät war, da hat der alte Lebemann sogar als fast militanter Nichtraucher, wieder mit dem Rauchen angefangen. Genussmensch durch und durch. 

Und dann ist er gestorben. Heute. Vor 16 Jahren. Mein Papa. 

Nicht einfach so, er war ja sehr krank, aber für mich kam das so plötzlich wie ein Autounfall. Ich dachte, er wird wieder gesund, er schafft das. Vielleicht war es dumm, vielleicht war es Selbstschutz, es war auf jeden Fall wohl die einzige Möglichkeit für mich, mit dieser Situation umzugehen. 

Ich war 28, schon fast 3 Jahre verheiratet und fühlte mich verlassen wie ein kleines Kind. Kurz vor seinem Tod saß ich mit meinem Bruder auf einer Bank gegenüber des Krankenhauses und er sagte, ".... dann sind wir Halbwaisen". Was für ein Wort für zwei erwachsene Menschen. Aber ja, so erwachsen kann man gar nicht sein. Es war so schrecklich und so traurig und wenn ich das jetzt schreibe, sitze ich hier und es ist immer noch genauso schrecklich.



Mein Vater ist nur 63 Jahre alt geworden und ich vermisse ihn unendlich. Immer noch. Die verdammte Zeit heilt da fast überhaupt gar nichts. Ja, ich kann über ihn reden und von ihm erzählen und übernehme jetzt seine Rolle für meine Kinder und erzähle seine Geschichten aus dem Krieg. Aber er kennt meine Kinder nicht. Er kennt mein Zuhause nicht. Er ist kein Teil meines Lebens mehr.  Teil meiner Gedanken ist er immer.

Und ja, natürlich bin ich froh, dass wir eine schöne Zeit zusammen hatten, dafür bin ich auch dankbar, aber ganz ehrlich und verflucht noch mal, warum musste sie denn schon so schnell vorbei sein?

Warum ich Euch das jetzt und heute schreibe? Weil ich mich damals komplett traurig, elendig, hilflos und einsam gefühlt habe. Nicht nur, weil mein Vater gestorben war, sondern auch, weil meine Umwelt so unsicher war, was sie mit mir tun sollte, dass sie sich komplett zurückgezogen hat. Alle haben Karten geschrieben, aber keiner war so richtig für mich da. Keiner hat mal mit mir gesprochen oder mich gedrückt, mit mir von ihm erzählt oder mich zum Lachen gebracht. Die Beerdigung war ein schreckliches aber auch befreiendes Highlight. Da wurde hinterher so richtig schön von ihm erzählt und auf ihn getrunken. So komisch das auch anmutet, aber das war wunderbar und tat echt gut. Aber die Zeit bis dahin und direkt danach war ich allein (mein Mann war natürlich für mich da).



Und deshalb möchte ich Euch heute bitten: wenn jemand in Eurem Umfeld traurig ist, weil ein Mensch gestorben ist oder sehr krank ist, dann stellt Eure eigene Unsicherheit zurück. Behandelt ihn nicht wie aussätzig oder besonders vorsichtig. Verhaltet Euch NORMAL. Geht auf ihn zu und bezieht ihn ein. Entscheiden kann derjenige dann immer noch selbst, was er dann tun möchte. Und wenn Ihr unsicher seid, dann SAGT das einfach. Kümmert Euch nicht um das, was "man" tut oder nicht tut, vielleicht hilft auch laute Musik und Tanzen im Wohnzimmer bis zum Heulkrampf. Oder ein anständiges 'Besäufnis'. Oder auch gar nichts sagen, nur angucken oder drücken. Oder oder oder. Alles ist richtig. Der gute Wille zählt und der Mensch, der trauert. Und der wird dann schon signalisieren, was ihm gut tut. 

Trauer ist ganz unterschiedlich und durchläuft ganz viele Stadien. Und auch nach einem Jahr kann das falsche oder richtige Lied im Radio einen dazu zwingen, am Fahrbandrand anzuhalten, weil man vor lauter Tränen in den Augen nicht mehr weiterfahren kann. Das hört so schnell nicht auf. Die allererste Zeit ist zwar eine Phase der Betäubung und Fassungslosigkeit, aber die richtige tiefe Trauer kommt erst danach. Und in jeder Phase braucht man andere Hilfe und Unterstützung. 

Wichtig ist, dass sich keiner allein fühlen muss. Und dass man das Gefühl hat, es geht um einen selbst. Sätze wie "ich bin so traurig" oder "ich weiß nicht, was ich sagen/tun soll" haben mir nicht geholfen. Ich hatte das Gefühl, es geht gar nicht um mich, sondern um den, der mit mir spricht. Was soll ich damit anfangen? Soll ICH mich jetzt kümmern und Rat geben?  Machen. Und nicht jammern, dass man hilflos ist.

In meinem Umfeld war ich die erste, die in einer so traurigen Situation war und keiner konnte damit so richtig umgehen. Mittlerweile sind wir alle älter geworden, eine Trauerroutine gibt es trotzdem nicht. Aus meiner eigenen Situation habe ich gelernt, dass man auf gar keinen Fall Angst vor der Begegnung mit den Trauernden haben darf, denn das macht ihnen das Leben noch viel schwerer. Sie sind nicht aussätzig und krank, sie sind nur unendlich traurig. Und wir KÖNNEN helfen. Immer. Irgendwie. Ich bin sicher, Ihr habt ganz viel Feingefühl und könnt Eure Familie und Freunde genauso unterstützen, wie sie es brauchen. Macht es einfach. Das ist so gut.

Liebe Grüße von
Sandra

PS: Heute morgen beim Frühstück habe ich meinen Kindern gesagt, dass mein Vater heute Todestag hat. Max hat darauf hin gesagt: "Das ist sehr traurig für Dich, Mama, aber ich weiß gar nicht, was ich da jetzt mit machen soll." "Nichts weiter, Max. Wir gehen heute in die Kapelle und zünden eine Kerze an." 




Kommentare:

  1. Das ist ein ganz wunderbarer Text. So schön, interessant und liebevoll hast du von der Beziehung zwischen dir und deinem Vater geschrieben.
    Mein Vater ist ja erst ein halbes Jahr tot. Mit der Familie spreche ich oft über ihn. Aber die Trauerkarten, die man so per Post bekommt, die habe ich bis heute nicht geöffnet. Ich mochte das nicht teilen mit mir eigentlich fremden Menschen. Lg und ein schönes Wochenende

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  2. ich lese deine worte und es kullern die tränen - so schön geschrieben!!!

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  3. Liebe Sandra,
    dieser warme Text hat mich sehr berührt. Ich kann mir nur zu gut vorstellen, welch eine intensive Beziehung zu deinem Papa hattest. Auch ich habe schon einsame Trauer erlebt und ich finde es wundervoll, dass du das zur Sprache bringst und anderen Menschen damit die Chance gibst, es besser zu machen: Den Trauernden nicht scheu, sondern offen und herzlich zu begegnen. Ein wundervoller Text, über den ich noch lange nachdenke werde. Danke!
    Alles Liebe, deine Stephie

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  4. Liebe Sandra,
    jetzt sitze ich hier und habe Tränen in den Augen...
    Deine Text hat auch mich sehr berührt. Wahrscheinlich auch deshalb, weil Du so wundervoll und liebevoll über Deinen Papa geschrieben hast, auch über die Zeiten in denen Ihr nicht immer einer Meinung ward... - Mein Papa hat sich das Leben genommen als ich sechzehn war. Das ist jetzt 23 Jahre her. Das wir (meine Mutter, mein Bruder und ich) mit unserer Trauer und all den anderen Gefühlen auch total alleine dastanden, brauche ich wohl nicht zu erwähnen... Am Traurigsten macht mich wohl die Tatsache, dass ich nicht wirklich viel Positives über meinen Vater sagen kann... Und trotzdem fehlt er mir... Immer noch...
    Alles Liebe für Dich... Katharina

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    1. Liebe Katharina!
      Es tut mir sehr weh, Deine Zeilen zu lesen. Du hast als 16jährige schon so viel aushalten müssen, Deinen Schmerz und Kummer kann ich nur erahnen. Und auch wenn es Dir nicht so vorkommt und Du nicht viel Positives über Deinen Vater erzählen kannst, hat er Dich doch bestimmt sehr geprägt. Sicherlich bist Du aus dieser traurigen Situation mit so vielen Erfahrungen rausgegangen, die Dich jetzt als Person ausmachen. Du wirst viel gelernt haben, viele Dinge, die wir niemandem, schon gar nicht Kindern oder Jugendlichen, wünschen, aber Deine Familie hat es getroffen. Unser ehemaliger Nachbar hat sich auch umgebracht und ich weiß um die Ohnmacht und Hilflosigkeit der Familie. Aber DU lebst und bist stark und kannst hier Deine unglaublich traurigen Erfahrungen kommentieren. Und das ist toll! Denn wenn Du das geschafft und überlebt hast, kannst Du alles schaffen.
      Liebe Grüße, ich drück Dich!
      Sandra

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  5. Hattest Du einen tollen Papa! Und Dein Papa eine tolle Tochter!

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