Dienstag, 24. September 2013

Vertrauen und Verantwortung, Loslassen und Gelassen sein

Wie ich schon im letzten Post erwähnt habe, gab es in meiner liebsten facebook-Gruppe einen Vorfall in der Klasse eines Sohnes mit Fotos, die über Whatsapp-Gruppen verbreitet wurden, die letztendlich zum Schulwechsel, Schulverweis und strafrechtlicher Verfolgung einiger Kinder gesorgt haben. Es gibt ja leider viele solche Geschichten, die mit großer Scham bis  Selbstmord enden. Leider, es ist  ganz fürchterlich. Da der Sohn ungefähr so alt ist, wie mein ältester Sohn, und sie, zwar in unterschiedlichen Orten Deutschlands, aber in die gleiche Jahrgangsstufe gehen, hat mich das auch sehr beschäftigt und mich viel nachdenken lassen. Was lerne ich daraus? Was muss ich tun? Wie kann man so etwas verhindern? Bin ich auf dem richtigen Weg oder verlaufe ich mich auf dem Holzweg?

Mobbing, Cybermobbing, Gefahren des Internets, Soziale Netzwerke, Smartphones, Gruppenchat, aber auch Computerspiele, Youtube, Musik, Schule, Alkohol, Rauchen, Pubertät....

In der Gruppe sind wir uns auf jeden Fall einig, dass das ein schlimmes Ereignis war, dass wir unseren Kindern ersparen möchten. Doch jeder macht sich seine eigenen Gedanken und geht das Thema letztendlich natürlich auf seine Weise an.

Pubertät ist schwierig, auch ohne Internet und Smartphones. Für die Kinder und für die Eltern. Das war wohl schon immer so und wird auch so bleiben. Ich glaube, für die Kinder wird es schwieriger, denn Pubertät heißt ja auch, sich abzugrenzen von den Eltern. Früher mussten wir dazu übergroße Blazer oder Pullover anziehen, Fransen an die Jeans fummeln oder ne Latzhose anziehen, laute Musik hören und Kaugummi kauen, dann waren wir ANDERS. Aber heute? Was müssen die Kinder anstellen, wenn die Eltern genauso rumlaufen wie sie?   Wenn Eltern fit, modern und sportlich sind. Wenn sie gepierct und tättowiert sind, wenn sie surfen und skaten, wenn sie Kino lieben und Einslive hören, Turnschuhe tragen und Fastfood essen. Abgrenzen wird dadurch immer schwieriger und extremer.

Das sollten wir im Hinterkopf haben, wenn wir uns z. B. über extrem kurze HotPants bei Mädchen oder  extrem runtergezogene Jeans bei Jungs wundern. Über seltsame Kappen und wunderliche Posen. Das sind wenigstens Dinge, die sie bei den Eltern nicht finden, oder?




Ich erzähle Euch einfach mal meine Gedanken, ob sie richtig und für meine Familie gut sind, weiss ich jetzt noch nicht, das werden wir in einigen Jahren sehen. Da das ein so komplexes Thema ist, wird es auf jeden Fall  mehrere Posts dazu geben, ich glaube, das ist ganz sinnvoll, damit es nicht zuuu lang wird und Euch am Ende der Kopf genauso schwirrt wie mir.

Heute erzähle ich Euch von meinen Gedanken zum Thema Hausaufgaben. Ein Problem, das uns mehrere Jahre beschäftigt hat, denn Hausaufgaben nachzugucken bei einem Kind, dass diskutierfreudiger ist als jeder Debattierclub, ist NICHT lustig! Und ich weiß von einigen Freundinnen, dass auch sie es nicht leicht haben bei den Hausaufgaben und an den Gedankengängen der Kinder manchmal fast verzweifeln.

Nachdem ich in der Grundschulzeit mit Max permanent Theater wegen der Hausaufgaben hatte:

Mama, das haben wir aber so gelernt, wir machen das jetzt so.
Nein, Max, das kann nicht.
Aber bei uns ist das so. Frag Frau W....
Max, 2 + 2 sind 4 und nicht 5, da brauche ich Frau W... nicht fragen.
Doch Mama, sie hat uns das aber so erklärt.
Nein, Max. Da vertust du dich.
Mama, nein, hör mir doch mal zu.
Da brauche ich Dir nicht zu hören, 2  + 2 ist immer vier.
Du bist so gemein, Mama.
Nein, Maxi, das möchte ich nicht, aber 2 + 2 sind immer vier.
Aber bei uns nicht, Mama, wirklich, wir haben das anders gelernt. Nie glaubst Du mir.........

.... habe ich mir geschworen, mich auf dem Gymnasium nicht mehr zu kümmern. Am Anfang habe ich es dann noch versucht, aber der Familienfrieden ist wichtiger als Schule ;-) Und jetzt weiß ich, dass es auch gut so ist, denn wenn ich an meine eigene Schulzeit zurückdenke, dann war ich immer eine ganz gute Schülerin. Nicht super, aber guter Durchschnitt oder ein bisschen besser vielleicht. Egal, aber niemand hat jemals meine Hausaufgaben kontrolliert.

Ich habe manchmal bewusst KEINE Hausaufgaben gemacht, weil ich lieber eine Freundin treffen wollte, keine Lust hatte oder warum auch immer. Am nächsten Morgen musste ich mir dann die Hausaufgaben besorgen und schnell im Bus abschreiben. Oder in der Pause. Um dann im Unterricht zu sitzen und zu hoffen, dass ich jetzt nicht die gleiche Inhaltsangabe vorlesen muss wie meine Freundin gerade eben. Ich habe gelernt, wann es besser war, unsichtbar zu werden oder bei wem man besser ganz dreist auftrat, um nicht aufzufallen. Ich habe das Gefühl kennengelernt, wenn man vor der ganzen Klasse Ärger bekommen hat, weil man keine Hausaufgaben hatte und dass man beim Erledigen in letzter Minute nicht sehr kreativ ist. Ich habe gelernt mit Mut zur Lücke zu arbeiten, zu improvisieren oder mich reumütig zu zeigen.

Ich habe im Laufe meiner Klausurenkarriere einige Spickzettel geschrieben. In die Hand, in's Etui, auf's Etui, auf's Radiergummi, auf Zettel, auf Tische.... Eigentlich konnte ich das, was ich da aufgeschrieben hatte dann ja doch irgendwie schon und brauchte die Spickzettel häufig gar nicht mehr und habe daraus gelernt, dass ich gut lernen kann, wenn ich es aufschreibe.

Das war mir damals natürlich alles nicht so klar, aber wenn ich es heute so überlege, ist es doch eigentlich sehr wertvoll und wichtig. Wenn ich jetzt meinem Sohn aber jeden Tag die Hausaufgaben nachgucken würde, hätte er zwar immer korrekte Hausaufgaben, aber gleichzeitig auch nie die Chance, sich zu organisieren, Wichtig von Unwichtig zu trennen, Prioritäten zu setzen. Seine optimale Lernmethode herauszufinden. Oder auch nur zu lernen, dass man mit Nichtlernen auch keine guten Noten bekommt.

Und ich würde ihm auch manche lustige Erinnerung nehmen, die ich mit nicht gemachten Hausaufgaben verknüpfe. Morgens um 6.35 am Sortiertisch bei der Hauptpost, um 9.35 auf der Schultoiletten-Klobrille, hinter dem Fahrradständer (doppelt gefährlich, da verbotenes Terrain), unter dem Tisch in der Stunde vorher und und und.

Manchmal fällt es mir schwer, mich nicht einzumischen, denn  ich gucke ja schon etwas weiter und weiss auch, dass sich nicht erlernte Themen zu einem großen Berg aufhäufen, der irgendwann vielleicht nicht mehr erklommen werden kann. Aber vielleicht weiss ich das auch nur, weil ich es erfahren habe?

Ich habe mir fest vorgenommen, an dem eingeschlagenen Weg festzuhalten, auch wenn es manchmal schwer ist, sich nicht einzumischen, sondern loszulassen und zu vertrauen. Ich habe deutlich signalisiert, dass ich da bin, wenn meine Hilfe erwünscht ist und gerne helfe, erkläre, abfrage. Und das funktioniert bisher ganz gut, da klappt dann sogar unser Vokabel-Experiment.

Aus den Kämpfen des älteren Bruders profitiert Felix natürlich sehr. Bei ihm kann ich das ganze Schulthema sehr viel gelassener angehen und da zeigt sich auch wieder, wie gut die Schulform Waldorfschule in dem Punkt ist.

Es gibt keine Noten, keinen Notendruck. Jedes Kind macht das, was es kann und das macht es gut. Nicht, weil es Noten dafür bekommt, nicht, weil die Eltern das wollen, sondern weil sie es selber gut machen wollen. Ein tolles Konzept. Da gibt es keinen Stress, da gibt es keine Schulentscheidung nach der 4. Klasse. Da kann das Kind in seinem eigenen Lerntempo lernen und alles ist gut.




Aus Fehlern wird man klug, der Satz ist so richtig wie alt und so schwer es mir auch manchmal fällt, die Kinder werden nicht aus meinen Fehlern klug, sondern haben das Recht auf eigene Erfahrungen und eigene Fehler.



Liebe Grüße







Kommentare:

  1. Liebe Sandra,
    ja, die "Bobalität" (Ausdruck meiner Tochter) fordert uns als Eltern. Eine schöne Sichtweise mit der Abgrenzungsmöglichkeit der Kinder - darüber hatte ich bislang noch nicht nachgedacht - allerdings fahre ich weder Skateboard (konnte ich damals schon nicht so toll) noch trage ich Teenieklamotten.
    Zum Thema Hausaufgaben gebe ich dir Recht: ab einem gewissen Alter, das bei uns mit der 4. Klasse bereits einsetzte, habe ich nicht mehr alle Aufgaben kontrolliert. Mein Sohn (12) ist auch sehr eigenverantwortlich und vor allem bekomme ich schnelle Rückmeldung der Schule, wenn er häufiger HA vergisst. Für alle Klassen gilt nämlich: wer 3x in der Woche oder 5x im Monat die Hausaufgaben nicht gemacht hat, der muss Freitagnachmittag zum Ergänzungsunterricht - bei uns hieß das noch nachsitzen! Freitags tut echt weh, da sind die Schüler per se ziemlich diszipliniert. Auch, wenn Material fehlt, z.B. Buch oder Zirkel, gibt es einen Strich - 2 davon zählen wie eine vergessene Hausaufgabe. Durch das elektronische Klassenbuch (gut, dass es das damals noch nicht gab) leicht für alle Fächer nachvollziehbar. Das ist hart, aber wirkt! Mein Sohn sass in den 2 Jahren nur ein einziges Mal Freitagnachmittags in der Schule - seitdem klappt's ganz von allein! Er ist allerdings sowieso ein guter Schüler, der gut eigenverantwortlich arbeiten kann.
    Für Klassenarbeiten und Tests lernen wir allerdings gemeinsam. Dazu habe ich mal einen Post mit Tipps geschrieben: http://stephiespost.blogspot.de/2013/02/kinder-zum-schulerfolg-fuhren-macht.html
    Deine Jungs sehen richtig lieb und vernünftig aus, könnte sich meiner gleich daneben setzen :-)) Die schaffen die Schule doch bestimmt wunderbar, ohne großartig Federn zu lassen.
    Interessant auch die unterschiedlichen und sehr konträren Schulformen, die ihr für eure Jungs gewählt habt. Dazu würde ich mich auch über einen Post von dir freuen!
    Alles Liebe, Stephie

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  2. Liebe Sandra, mit bsilang nur einem Schulkind in der 3. Klasse habe ich noch nicht allzu viele Erfahrungen. Aber bei uns ist es so, dass wir auch in der Anfangszeit, als die Lehrer Stress gemacht haben, weil unser Großer oft unkonzentriert oder einfach auch mal müde war, locker geblieben sind und keinen Druck aufgebaut haben. Letztendlich hat sich alles von allein zurechtgezogen und jetzt ist er aus eigenem Antrieb gut bis sehr gut in der Schule und unheimlich stolz darauf. Auch mit Beginn der Noten dieses Schuljahr kommt er sehr gut zurecht. Die Tests zeigt er uns zwar und findet es auch toll, wenn er gut war, aber das alles ist ihm gar nicht so wichtig...und gerade deshalb läuf es so super. Er freut sich auf die Schule und geht gerne, mehr will ich gar nicht. Wenn dann noch die Noten stimmen, umso besser. Ich kenne aber auch viele Eltern, die schon jetzt so viel Druck ausüben, mit den Kindern lernen, auf gute Noten pochen usw., dass deren Kinder schon jetzt Angst vor der weiterführenden Schule haben. Das finde ich sooo schade. Gott, es ist doch nur Schule, 4 gewinnt, und was danach kommt, hat mit den Noten und dem Gelernten doch eh nix mehr zu tun. Ich finde, Du machst das toll. Bin gespannt, wie es bei Dir weitergeht...LG, Rieke

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  3. Hui, das ist Nachdenkfutter! Vielen Dank dafür!

    LG Bettina

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  4. Hallo Sandra,
    wow, das hast du toll geschrieben und irgendwie voll ins Schwarze getroffen. LOSLASSEN ist wohl das größte Thema und betrifft so viele Bereiche. Unser Sohn geht jetzt auf die IGS und eigentlich ist doch alles sehr entspannt, aber ab und an meint man doch sich einmischen zu müssen - aber es ist wirklich besser wenn man es nicht tut und so wie du schreibst, sich einfach anbietet und sagt ICH BIN DA WENN DU MICH BRAUCHST. Ist aber echt alles ganz schön schwer. Werde jetzt noch mal bei deinem Vokabeltip vorbeischauen.
    Danke für Deine Worte.
    LG
    Dani

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