Samstag, 20. Juli 2013

Leistungssport für Kinder - muss das sein?

Unser ältester Sohn spielt Handball. Gefühlt seit wir denken können, das stimmt aber gar nicht. Er spielt Handball seit dem Ende der ersten Klasse. Jetzt kommt er in die Siebte. Vorher hat er - wie alle Kinder hier 'auf dem Land' Fussball gespielt. Er fühlte sich toll dabei, war aber absolut talentfrei ;-) Am Ende der ersten Klasse kam er dann mit der Handballidee um die Ecke, inspiriert durch einen Schulfreund, der dort schon bei den Minis spielte. 

Mit Händen und Füßen habe ich mich gegen eine weitere Ballsportart gewehrt, wähnte ihn eher in Sportarten ohne Ball... Aber er war so penetrant, dass wir irgendwann dann doch einmal das Training besucht haben. Von dem Moment an war er infiziert. Komischerweise hatte er beim Handball nie Probleme mit dem Ball, der Wechsel vom Fussball- zum Handballtraining war schnell vollzogen, die Übergangszeit, in der er beide Sportarten vergleichen und überlegen sollte, war für ihn nicht mehr notwendig.

Von da an spielte er, wann immer es ihm möglich war, teilweise in zwei Mannschaften, war daher schon in der zweiten und dritten Klasse oftmals schon drei- bis viermal pro Woche in Sachen Handball unterwegs. Für ihn die größte Freude, also ließen wir ihn spielen. Fuhren mit ihm zum Training, am Wochenende zu den Turnieren. Anfänglich noch auf kleinen Feldern, so dass die kleinen Geschwisterkinder auf den anderen Hallenhälften wunderbar toben konnten. Ideal also.

Zum Frühling diesen Jahres hat er die Chance bekommen, in einem Leistungszentrum Handball zu spielen. Er hat sich dafür durch diverse Sichtungstrainings gespielt und wurde angenommen. Klar, wir haben ihn zu diesem Training gefahren, haben aber nicht im mindesten mit einer positiven Resonanz gerechnet. Es war einfach nur mal eine Möglichkeit, an so einem dreistündigen Training mitzumachen, andere Luft zu schnuppern....  (wir spielen allerdings auch gar kein Handball, haben also nicht wirklich viel Ahnung).

Und da stehen wir mittendrin in dem Dilemma, dass alle Eltern haben, die ihre Kinder fördern und unterstützen möchten: ist das noch im Rahmen oder überfordere ich sie damit? Nehme ich ihnen die Kindheit?  Wir haben ihn über alle möglichen Folgen aufgeklärt, den Verlust von Freizeit durch das häufige Training und die damit verbundene weite Anreise (für 1,5 Stunden Training sind wir 3 Stunden unterwegs), haben ihm erklärt, dass er kaum noch Zeit für Freunde haben wird, dass er wahrscheinlich an den Parties am Wochenende nicht teilnehmen kann, da er Spiele hat, dass er auch nebenher noch trainieren, joggen, etc machen muss, während die Klasse sich im Freibad trifft. Alles prallte an ihm ab. 

Da ich nichts schlimmer als verpasste Chancen finde, haben wir ihm letztendlich unser Okay gegeben. Er spielt nun also für den neuen Verein in der Leistungsmannschaft der C-Jugend. Und tatsächlich: er hat sehr wenig Zeit. Ist es heiß und alle Freunde gehen ins Freibad, fährt er zum Training. Ist am Wochenende eine Übernachtungsparty, fährt er zum Spiel. Hat er viel Zeit einfach mal nichts zu tun? Nein, er muss diszipliniert Hausaufgaben machen. Er hat sich eine viel gesündere Ernährung überlegt und zieht sich besser an (keine Diskussionen über Jacken, Mützen, Haare föhnen). 

Muss das alles sein mit 12 bzw. fast 13? Fast ständig stelle ich mir und ihm diese Frage. Denn neben dem Nachfragen, ob alles für die Schule erledigt wäre, kommt jetzt auch noch immer die eigenverantwortliche Trainingszeit dazu..... Manchmal endet das in Diskussionen. Spornt man ihn an, lässt man ihn in Ruhe, kann er das überhaupt schon alles alleine, schliesslich ist er ja auch erst 12, also noch nicht erwachsen und wie schwer fällt es uns ja schon, den Hintern hoch zu bekommen und Sport zu machen, wenn wir gerne mal  k.o. auf dem Sofa liegen würden. Erklärt man ihm, dass man schnell auch wieder raus ist aus so einer Mannschaft (das wäre für uns ja sehr praktisch, schenkt es uns doch 9 Stunden mehr Zeit und weniger Organisation pro Woche), setzt man ihn dann unter Druck? Lässt man ihn dann aber alleine machen oder ggf. eben auch nicht, oder besteht man auf das Training, gerade weil wir ja 9 Stunden pro Woche für ihn unterwegs sind und er seinen Teil auch dazu beitragen muss.

Ihr seht, der Konflikt tobt in mir, denn auf der einen Seite möchte ich nicht, dass er sein Leben lang denkt, er hätte eine greifbare Chance für seinen Traum nicht genutzt, auf der anderen Seite möchte ich aber auf gar keinen Fall so eine Eiskunstlaufmutti sein, die ihr Kind zum Erfolg prügelt, während das Kind viel lieber mit Freunden spielen würde und sich nur nicht traut, etwas zu sagen. Und ja, ich weiß, die Theorie, dass sich Talent auch später noch durchsetzt, kenne ich, es ist nur so, wenn Talent nicht gefördert wird, verkümmert es. Und wenn ich sehe, wie dort trainiert wird, hat ein 'normaler' Spieler in dieser Altersklasse einfach keine Chance mehr, später einzusteigen.

Heute allerdings, auf der Fahrt zum traditionellen Zeugnis-Restaurant-Besuch, habe ich beide Kinder im Auto gefragt, ob sie froh seien, jetzt endlich Ferien zu haben: keine Termine mehr für 6 lange Wochen, kein Handballtraining (nur eigenständiges Kraft- und Fitnessprogramm), keine Spiele .... Und da bekomme ich als strahlende Antwort: "Mama, Handball spielen ist so toll, das ist so, wie immer  Ferien haben!"

Max mit Handball-Nationalspieler Florian Kehrmann 2007


Mich beruhigt das jetzt doch ein bisschen und er freut sich schon total auf das Trainingslager in der zweiten Ferienhälfte....

Sportliche Grüße





Kommentare:

  1. Hallo Sandra,

    interessante und berechtigte Fragen einer Mutter.
    Ich selbst war bereits mit 8 Jahren auf einer Sportschule und habe jahrelang Kunstturnen als Leistungssport betrieben.
    Rückblickend kann ich sagen, dass natürlich ein Stück Kindheit anders erlebt wird. Mein Alltag bestand nur aus Schule und Training (die Leistungen in der Schule zeigten jedoch recht deutlich, dass mein Fokus aufs Training gerichtet war)...einige Jahre lang.
    Aus gesundheitlichen Gründen würde ich mein Kind, wenn überhaupt irgendwann die Ambitionen dafür kommen sollten, davon abraten. So früh in diesen Leistungssport zu gehen, kann nicht gesund sein. Auch ich habe das gemerkt.

    Dankbar bin ich jedoch dafür, dass mir der Leistungssport schon recht früh eine gewisse Disziplin und ein unglaubliches Körpergefühl/ Körperbewusstsein mitgegeben hat.

    Ob eine Individual- oder Einzelsportart, wenn den Verhältnissen (sprich die körperlichen Voraussetzungen) entsprechend trainiert wird, kann sich jeder darüber freuen, dass sein Kind sich freiwillig und ausreichend bewegt (es gibt ja genügende Bewegungsmuffel heute). Und wenn der Spaßfaktor an erster Stelle steht, sollte man die Kids jederzeit unterstützen! :-)

    Viele Grüße
    Maxie

    AntwortenLöschen
  2. Liebe Maxie!
    Ich finde es sehr spannend, von einer "Ehemaligen" zu lesen. Vielen Dank. Unser Sohn ist ja mit 12 angefangen, und ich sehe es schon auch so, dass wir seinen Körper und seine Gesundheit auch besonders beobachten müssen. Bekommt er oder wir ein schlechtes Gefühl, soll er aufhören. Im Moment hat er noch großen Spaß. Allerdings freue ich mich geradezu zu lesen, dass der Sport Dir Disziplin und Körpergefühl geschenkt hat. Das ist auch meine große Idee dahinter.
    Liebe Grüße
    Sandra

    AntwortenLöschen